Wildwasserpaddeln in Québéc

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Als ich letzten August meine Sachen für mein Austauschjahr in Lennoxville (das liegt zwischen Montréal und Quebec City in der französischsprachigen Provinz von Kanada) packte, musste ich meine Paddelausrüstung schweren Herzens in Deutschland lassen – auch ohne Trockenjacke und Spritzdecke wog mein Koffer ruckzuck 23 Kilo und irgendwie dachte ich, dass es dort auch ohne Wildwasser genügend Beschäftigung gibt und dass man acht Monate wohl auch ohne Bootfahren übersteht.

Allerdings reizte mich Pits Facebook Nachricht „Ich hoffe du organisierst dir ein Paddelboot“ dann doch, eine Nachricht auf dem Forum quebeckayak.qc.ca zu hinterlassen und ich erhielt tatsächlich Antwort: Ein sehr netter C1-Fahrer aus Quebec City namens Dominic schrieb mir, dass er mich gerne mit auf den Neilson River mitnehmen würde. Er könnte mich am Busbahnhof abholen und mit mir zur Kajakvermietung fahren. Nachdem ich kurz im Internet geschaut habe, worauf ich mich da einlasse, buchte ich eine Mitfahrgelegenheit nach Quebec City (ca 250km von meinem Wohnort Sherbrooke entfernt) und freitags nachmittags ging es los.

Der Neilson River war der Hammer: Der erste Teil waren ca 9 km Wildwasser IV mit zahlreichen längeren, aber nicht wirklich schwierigen Katarakten und wunderschöner Landschaft. Zudem hatten wir strahlend blauen Himmel und 20 Grad. Der zweite Teil war eher „drop and pool“ mit Stromschnellen, die zwar beeindruckender aussahen, aber trotzdem nicht stressig zu fahren waren. Außerdem zeigten mir meine tollen Mitpaddler immer die idiotensicheren Linien und das sogar zweisprachig französisch und englisch, obwohl Dominic mir auf der Hinfahrt extra die wichtigen französischen Vokabeln zum Kajakfahren erklärt hatte – Kehrwasser heißt „stop“, bei Stufen unterscheiden man zwischen „sault“ und „seuil“ und boofen heißt, Überraschung, „boofer“. Nachdem unsere wundervolle Befahrung des Neilson Rivers ohne Vorfälle verlief, hatte ich noch nicht genug und Dominic ließ sich sogar noch überreden, mit mir noch einen zweiten Bach zu fahren, der Abschnitt namens „Tewksbury“ des Jacques-Cartier-Flusses. Dieser „Landschaftssechser“ (aber Wildwasser-Vierer) ist eher wuchtig und wird im Sommer auch fleißig mit Rafts befahren. Auf 8 Kilometern sind ca 7 längere Stromschnellen, bei denen einige Rückläufe vermeiden sollte, was mir allerdings nicht ganz gelungen ist.....zum Glück gab es ruhige Zwischenstrecken, um das Material wieder aufzusammeln. Es war also ein toller Tag, obwohl  wir nach meinem Schwimmer den Abend damit verbringen mussten, die Beulen aus dem gemieteten Boot wieder rauszuklopfen.

Das nächste Wochenende wurde es noch besser. Eigentlich wollte ich ja in Lennoxville bleiben und so langsam mal was für die Uni machen, bis ich dann donnerstags eine verlockende Nachricht bekam: Dominic und Benoit (der auch auf dem Neilson dabei war) würden „le taureau“, den schwersten Abschnitt des Jacques-Cartier-Flusses fahren und fragten, ob ich auch mitkommen möchte. Natürlich habe ich nicht lange überlegt, mir wieder ein Boot klargemacht und eine Mitfahrgelegenheit gebucht. Erst als ich freitags abends bei Dominic den Flussführer durchlas (23 km Wildwasser IV-V, es gibt keine Möglichkeit, die Befahrung abzubrechen und man sollte 6-14 Stunden und gegebenenfalls eine Übernachtung im Wald einplanen) bekam ich ein kleines bisschen Angst, aber da war ich ja schon in Quebec und hatte ich ja schon 28 Dollar für die Bootsmiete bezahlt. Also machten wir uns am nächsten morgen um halb 7 auf den Weg zum Jacques-Cartier-Nationalpark, wo wir und mit Benoit und 2 neuen Leuten trafen, die noch früher aufgestanden waren und schon ein Auto an den Ausstieg gestellt hatten. So gegen halb 10 waren wir dann auf dem Wasser und ich war wirklich aufgeregt. Der Fluss ging entspannt los, bis nach ca 2 km WW 2-3 die ersten Viererstellen, „la Corrida“ und „le veau“ kamen, die wir kurz anschauten. Die erste Ver Stelle namens „la Vache“, drei dicht aufeinanderfolgende Stufen, wollte ich schon fast umtragen, doch Benoit meinte, es sehe schwerer aus als es ist und ich könnte das schon fahren. Übrigens hatte er recht:  Der eher unfreundlich aussehende Rücklauf nach der zweiten Stufe war doch gütig und ließ einen auch bei verpasstem Boof wieder gehen. Beflügelt von meiner erfolgreichen Befahrung vergingen die nächsten 10 Kilometer für mich wie im Flug. Da die Jungs den Bach ziemlich gut kannten, schauten wir kaum etwas an und ich war die meiste Zeit damit beschäftigt, den Helm meines Vordermanns in all dem Weiß nicht aus den Augen zu verlieren. Bei Kilometer 9 brachte der Nebenfluss Rivière Launière nochmal die gleiche Wassermenge und die Stellen wurden wuchtiger. Nach 15 Kilometern machten wir an der beeindruckenden VIer Stelle „Lunchspot“, die nur Alexis befuhr, eine Pause. Von mir aus hätte dann auch Schluss sein können, ich war nämlich platt, aber leider ging es dann erst so richtig los. In der nächsten schweren Stelle „Logjam“ erwischte ich im Abschluss den falschen Kanal, steckte, musste schwimmen und danach über eine Stunde durch den Wald laufen und klettern, bis ich wieder bei meinem Boot war. Mit meinem weibisches Gekreisch kurz vor meinem Untergang habe ich mich bei meinen Mitpaddlern wohl unvergesslich gemacht. Die nächsten 3 schweren Stellen habe ich dann auch lieber gleich umtragen. Auf den letzten Kilometern wurde der Fluss breiter und leichter und das Tal sah im Abendlich atemberaubend schön aus. Dominic war daher so beschäftigt mit fotografieren, dass er rückwärts in eine kleine Walze hineintrieb und sich leider anstatt an seinem Fotoapparat lieber an seinem Paddel festhielt – und alle Fotos waren weg. Als wir nach fast 9 Stunden auf dem Wasser den Ausstieg erreichten, dämmerte es schon – höchste Zeit für Bier und Burger! Es war also wieder ein gelungener Tag oder, wie man in Quebec sagt „C'a été vraiment le fun!“.

Danach war ich noch drei Tage paddeln, einmal im Oktober auf einem Bach namens Riviere Blanche und zweimal im April (bei Schnee und Eis) nochmal Tewkesbury bei deutlich mehr Wasser und zwei Bäche names Haute Cachée und Sault à la Puce. Das war auch sehr toll und ereignisreich und ich bin den wundervollen Kanadiern, die mich mitgenommen haben super dankbar. Ich höre jetzt aber trotzdem auf zu schreiben, weil mein Artikel ja schon ziemlich lang ist und ich euch noch bei diversen Grillabenden und anderen Gelegenheiten mit Geschichten auf die Nerven gehen möchte. Vielen Dank fürs Lesen und ich hoffe, dass ihr jetzt ganz viel Lust auf Paddeln in Quebec bekommen habt! Hier noch ein paar Bilder.